1931-45: Zweiter Weltkrieg

Mit der Rückkehr in sein Böblinger Atelier nimmt Steisslinger die Ölmalerei im größeren Format wieder auf. Die neuen Figurenbilder und Selbstportraits weisen einen festeren und pastoseren Farbauftrag auf, der die physische Präsenz der/des Portraitierten betont. Um endlich den angesichts der schwierigen finanziellen Lage seiner Familie dringend nötigen kommerziellen Erfolg zu erzielen, malt Steisslinger einige Landschaften und Stadtansichten in einem weniger expressivem, ruhigeren, detaillierteren, dokumentarischeren Stil. Auch bei seinen Dokumentationen des vom Nazi-Regime geprägten gesellschaftlichen Lebens nimmt sich Steisslinger in Farbigkeit und malerischer Geste zurück.

Die heraufdämmernde NS-Zeit lässt für Steisslinger und seine Künstlerkollegen nichts Gutes erhoffen. In innerem Widerstand zu den politischen Verhältnissen denkt Steisslinger an eine Emigration nach Brasilien, wo seine Ehefrau geboren war und ihre Familie lebt. Zur Erkundung des Landes reist er 1934 für fünf Monate nach Brasilien. Im April 1934 erreicht er Porto Alegre, wo ihn sein Schwager Eberhard Haasis erwartet. Von hier bricht er einige Wochen später über Florianopolis nach Rio de Janeiro auf. Steisslinger lernt dort Theodor Heuburger, den Leiter der als Mittler zwischen Europa und Brasilien gegründeten Initiative "Pro-Arte" kennen und kann in Rio den künstlerischen Ertrag seines bisherigen Brasilien-Aufenthalts in seiner ersten Einzelausstellung öffentlich präsentieren. Der überbordende Reichtum der Eindrücke und die tropische Farbigkeit steigern Steisslingers malerische Sensibilität. Es entstehen Landschaften mit atmosphärischer Weite und intensiven Farben. Zur Belebung der Szenerien setzt er oft kleinteilige, geradezu kalligrafisch anmutende Details hinzu. Seine Vorliebe für Fluss-, Küsten- und Hafenansichten scheinen als Sinnbilder von Ankunft und Abfahrt Steisslingers innere Getriebenheit zu reflektieren.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wird Türkheim im Elsass, wo der befreundete Architekt Charles Treiber zusammen mit seiner Frau lebt, immer wieder zum Rückzugs- und Reflexionsort. Hier entstehen
Landschaften, in denen der Gestus freier zu sein scheint, die Farbigkeit kontrastreicher und der Farbauftrag dynamischer als in den zeitgleich entstandenen Böblinger Werken. Steisslingers Landschaften sind fast immer Überblickslandschaften von einem erhöhten Standpunkt aus. Wichtiger als die Wiedergabe konkreter Einzelheiten ist für Steisslinger immer der stimmungsvolle Gesamteindruck. Seine Farbigkeit und Expressivität machen Steisslinger zum Ausnahme-Künstler und lassen sich allenfalls mit den späten Landschaften von Lovis Corinth und den Städtebildern Oskar Kokoschkas vergleichen.

Die Barbarei des Nazi-Regimes verschont Steisslinger. Er wird nie mit einem Malverbot belegt, seine Werke gehören auch nicht zum Kreise der von den Nazis „verfemten Kunst“. An Ausstellungen beteiligt sich Steisslinger nur ein einziges Mal in jener Zeit. Mit Blick auf Schule und Ausbildung seiner Kinder wird die beabsichtigte Emigration immer wieder aufgeschoben. Schließlich kommt es nicht mehr zur geplanten zweiten Reise und auch nicht mehr zur Übersiedlung. Im September 1939 wird Steisslinger mit 48 Jahren zum zweiten Mal Soldat – und verliert schließlich zwei seiner drei Söhne im Krieg.

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